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Wenn die Heimat stirbt

Zu diesem Buch
Kapitelauszüge
die Autorin

“Wenn die Heimat stirbt”, Petra Rebecca Trott

1. Ausflug mit den Kindern nach Krankenhausaufenthalt in Neuhaus, 1993

Das erste Wiedersehen mit der afghanischen Mutter in Peshawar, 1995

Petra R. Trott im Basar in Peshawar, 1995

Die Trotts mit Kids beim Skilaufen, 1996

Auf der Alster in Hamburg beim Segeln, 1996

... und Golf spielen wir natürlich auch, 1999

Kapitel 1

Es ist Mittag; das Essen ist vorbei. Mein Mann Ingo liest Zeitung, das Radio läuft, und ich wusele noch in der Küche herum. Da spricht mein Mann mich an: „Hast du das gehört?“ „Was?“ „Das mit den Kindern“. Er hätte das auch nur halb mitbekommen. Ich hatte nur etwas von gesuchten Pflegeeltern gehört im Zusammenhang mit der Golfkriese und Babys; also rufe ich noch nachmittags beim NDR 2 an und erkundige mich nach dem Aufruf. Man gibt mir Namen und Telefonnummer einer Frau, die damit im Zusammenhang stünde und mir entsprechende Auskünfte geben könnte. Dort angerufen erfahre ich, dass zwei junge Frauen, Freundinnen, sich Gedanken gemacht haben, wie man im Falle eines Golfkrieges die Babys und Kleinkinder schützen könne. Dafür suchten sie vorübergehend Pflegeeltern, um den Kindern, sollte der Krieg ausbrechen, eine Überlebenschance in Deutschland zu geben. Nach Beendigung des Krieges würden die Kinder wieder nach Hause geschickt. Man hätte Verbindungen zu binationalen Eltern im Irak – er Iraker, sie Deutsche und umgekehrt –, die ihre Kinder gern in Sicherheit wüssten. Dafür suche man Pflegeeltern. Das Gespräch ergab, dass darüber hinaus noch nichts organisiert war und außerdem ziemlich chaotische Vorstellungen über ein solches Vorhaben bestanden.

Abends erzähle ich Ingo davon. Der sagt: „Klar nehmen wir so ein Baby, wenn du dir das zutraust.“

Ich blieb mit den Damen, die ihr Projekt “Mütter helfen Müttern“ nannten, in Kontakt, bot meine Hilfe, speziell organisatorischer Art, an und begann zu telefonieren: Botschaften, Konsulate, Auswärtiges Amt, Politschiene, andere Kinderhilfsorganisationen, um Informationen zu erhalten. Was benötigt man, wie kommt man an Aus-, Ein- und Wiedereinreisevisa? Wie reagieren die Kinder – dauert der Krieg länger als ein Jahr – wenn sie in die Heimat zurückgehen, sprich Kulturschock, Sprache etc.? „Das ist bei Babys vertretbar, die gewöhnen sich schnell wieder um“, lautete die Antwort. Man erfährt Tipps, Hinweise, Warnungen, wird von einer Stelle zur anderen vermittelt, gerät an immer kompetentere Leute.

Es wird eine Anzeige in unserer Lokalzeitung geschaltet: „Frau Trott sucht Pflegeeltern für soundso, bitte melden.“ Das Telefon steht nicht mehr still. Innerhalb von drei Tagen habe ich 150 Familien aus dem Umkreis, mache diesen in ausführlichen Gesprächen klar, dass, wenn es so weit ist, ich sie persönlich besuchen werde, um sicherzugehen, dass hier keine versteckten Adoptionsabsichten die Hilfsbereitschaft begründen.

Parallel gründet sich zu dieser Zeit der DAF (Deutsch-Arabischer Freundschaftskreis), zu dessen erster Versammlung auch die Trotts erscheinen. Ich nutze die Gelegenheit, hier mein Problem vorzustellen, da ich denke, egal wie alt die Kinder sind, in einer arabischen Familie sind sie bestimmt am besten aufgehoben. Auch hier bleibt die Resonanz nicht aus.

Schließlich meldet sich bei mir eine gewisse Frau Irene Obermeier. Sie wohnt nur eine halbe Stunde von uns entfernt und hatte von meinen Bemühungen gehört. Sie fragt mich, ob ich auch ein krankes Kind aufnehmen würde. Wir kommen ins Gespräch, und es stellt sich heraus, dass Frau Obermeier seit Jahren kriegsverletzte Kinder aus Afghanistan nach Deutschland holt, sie hier operieren lässt und sie zur ambulanten Nachbehandlung in Familien gibt, bis sie gesund sind und wieder nach Hause können. Kostenträger hierfür sind die Länder, Gemeinden, staatliche Krankenhäuser, große Konzerne. In unserer Region hatte die Volkswagen AG vor einem Jahr einen Jungen durchfinanziert, den Mohammad, der sei allerdings bei seiner Pflegefamilie geblieben, da während seines Deutschlandaufenthaltes seine Mutter ein weiteres Kind geboren hat und anschließend verstorben ist, und sein Vater ihm geraten hatte, in Deutschland zu bleiben, da er ihn zu Hause kaum ernähren könne. Inzwischen ist Mohammad adoptiert und heißt jetzt Siegfried Rudolff mit deutschem Namen.

Ich bekunde meine Zweifel, dass die von mir potentiell in Frage kommenden Pflegefamilien verletzte Kinder aufnehmen würden, denn sie hätten sich unter ganz anderen Umständen zur Hilfe bereit erklärt und mache Frau Obermeier klar, dass ich im Moment eine Zusammenarbeit nicht sähe, es läge hier eine völlig andere Absicht vor, und ich wolle erst einmal in meiner Sache weitermachen wie geplant.

Die Verhandlungen und Bemühungen in Sachen Irak gingen voran. Da brach der Krieg aus. Damit waren sämtliche Kontakte unterbrochen. Alles umsonst, aber löbliche Absicht, wie man uns vielerseits bestätigte. Wir konnten das Vorhaben einstampfen.

Und schwups, wer meldet sich prompt? Frau Obermeier.


Ob ich denn nun bereit wäre, wenn mal ein solches Kind in unsere Umgebung käme, es zu betreuen. Ich frage Frau Obermeier, ob diese Kinder hier versichert seien. Die Antwort lautet zwar nein, aber für kleinere Sachen würde im hiesigen Raum Dr. al Massari unentgeltlich seine Landesleute behandeln und für größere Dinge – aber da passiert ja gar nichts in drei Monaten – hätte die OHA einen Fond.

Wenn man mit dem Kind im Auto unterwegs sei und einen Autounfall baue, was dann, lautet meine Befürchtung. Da findet man immer jemanden, außerdem ließe die OHA einen dann nicht allein. Wir würden viel verreisen, ins Ausland, für drei Monate könnten wir schon mal darauf verzichten, aber wenn es länger dauern sollte, was ist mit dem Kind? Überhaupt kein Problem, man bekommt Visa für die ganze Welt, die besorgt die OHA, die hätten auch die Pässe der Kinder und würden sich darum kümmern. Sie kenne eine Familie, die ständig mit ihrem Kind in Frankreich sei. Diese ganzen Informationen strömten so gewaltig auf mich ein, dass ich gar nicht stutzig wurde, als Frau Obermeier von “ständig in Frankreich“ erzählte. Wie lange war denn das Kind schon in Deutschland, hätte ich mich fragen müssen; fragte ich mich aber nicht! Ich besprach das Ganze mit Ingo.


Anfang November 1992 ist es dann so weit. Sonntag um 12.00 Uhr Ankunft Flughafen Frankfurt, dann weiter mit der Bundeswehr nach Gardelegen. Nachmittags sollen sie da sein. Frau Obermeier will dann mit Amin, einem 28-jährigen Mudschaheddin, dem eine Granate das untere Gesicht weggerissen hat, der seit einem Jahr bei Frau Obermeier lebt und vierteljährlich in Stuttgart operiert wird, als Dolmetscher und mir sofort vor Ort die Kinder begrüßen. Es sollen zwei Jungen sein, beide circa 1981/82 geboren, beide Beinverletzungen. Bis 23.00 Uhr tut sich jedoch nichts in Gardelegen. Also verabreden wir uns für den kommenden Morgen, 8.00 Uhr, auf halber Strecke. Gesagt, getan, bei Grafhorst steige ich in Frau Obermeiers Auto, die Amin dabei hat. Die Kinder seien gestern Nacht um 24.00 Uhr im Krankenhaus angekommen. Um kurz vor 9.00 Uhr sind wir in Gardelegen. Man fährt nämlich von uns aus gut eine Stunde. Auch wenn es nur 35 Kilometer sind. Aber diese Straßen…

Aufs Freundlichste werden wir begrüßt. Chefarzt Dr. Bär, Oberärztin Frau Weich, Ärztin Frau Schwarz, Krankenhausschwestern. Man führt uns zu den Jungen. Oh, welch ein Anblick. In dem vorderen Bett lag ein verschreckter kleiner Junge, der eigentlich nur aus Augen bestand, kurzrasierter Haarschopf, kreidebleich, obwohl Afghanen eher dunkle Hauttypen sind, daneben ein ebenso geschorener Schopf mit uraltem, faltigem Greisengesicht, aber in Kindesgestalt. Oh Gott, schießt es mir durch den Kopf, was habt ihr durchgemacht? Was müsst ihr erlebt haben? So, wie ihr ausseht! – Dabei hatten sie schon Gestalt angenommen, wie die Krankenschwestern erzählten, die sahen gestern Nacht ganz anders aus. Völlig verschmutzt, dreckig, erschöpft, die Spuren der letzten Monate deutlich erkennbar usw. Man hatte sie erst einmal in ein Desinfektionsbad gesteckt und aufgeweicht, mit Kneifzangen Finger- und Fußnägel gekürzt, um diese überhaupt säubern zu können. Aber sie seien beide süß, auch wenn keinerlei Verständigung möglich sei.

Frau Obermeier stürzt sich gleich auf beide und redet auf sie ein – sie übt seit einem Jahr mit Amin die Landessprache Dari. Außer Salam verstehe ich natürlich kein Wort; die Jungen allerdings auch nicht, wie sie mir Monate später berichteten. Ich halte mich im Hintergrund. Hadji und Rahim heißen die beiden. Und nun wurden sie von Amin begrüßt. Das verstehen sie. Die verschreckten Äuglein leuchten ein wenig.

Und schon kommt die Presse: „Wir brauchen Spenden“, erklärt Frau Obermeier. Ich finde das am ersten Tag nicht so passend.

Anschließend schauen wir uns die Beine an. Mir dreht sich der Magen um. Bei Rahim, dessen Bein schon neu eingegipst ist und bei dem nur eine Klappe im Unterschenkel zu Versorgungszwecken geöffnet wird, quillt rot-grüner stinkender Eiter hervor. Das linke Bein von Hadji sieht wie folgt aus: ein Unterschenkel im Durchmesser eines Fünfmarkstückes, ein etwas dickerer Oberschenkel, dafür aber ein pampelmusendickes Knie, aus dem es ebenfalls eitert. Das ganze Bein ist sichtbar kürzer als das andere. Die Ärzte sind ratlos, geben erst Antibiotika, um überhaupt etwas zu unternehmen, wollen nach Magdeburg zum Röntgen und dann weitersehen. Aber erst einmal müssen sich die Kleinen ausruhen nach allen Strapazen und ein wenig Vertrauen gewinnen. Frau Obermeier überlässt den Krankenschwestern ein Wörterbuch des Roten Kreuzes, Deutsch-Dari, damit man sich notdürftig verständigen kann. So ein Buch brauche ich auch! Okay, besorge ich. Wir verabschieden uns, und Amin macht den Jungen klar, dass ich, Petra, morgen wiederkomme und mich ab dann um die beiden kümmern würde.
Nachmittags fahre ich erneut los, besorge Pistazien, getrocknete Feigen und Obst. Schokolade und Gummibärchen, überhaupt unsere Süßigkeiten mögen sie nicht, sie ekeln sich sogar davor. Abends bei einem Glas Rotwein berichte ich Ingo.

Am nächsten Morgen, ich hatte kaum geschlafen, zuckelte ich die 35 Kilometer mit meinem Mini durch nicht enden wollende Schlaglöcher über eine Stunde und 15 Minuten nach Gardelegen. Nach 40 Minuten Fahrt war ich mir nicht sicher, ob ich dort überhaupt ankommen würde. Mein Auto und die Räder rappelten und rumpelten, als würde ich jeden Moment Reifen, Radkappen, Stoßstangen und überhaupt alles abfallen spüren. Aber wir kamen an, mein kleiner grüner Mini und ich, wie wir überhaupt jedes Mal in den folgenden Wochen heil dort ankamen.

Ich begrüßte die Kinder. Auf Deutsch natürlich. Die freuten sich. Ich machte ein bisschen Quatsch, schnitt ein paar Grimassen und wiederholte immer die gleichen einfachen Sätze: „Ich bin Petra. Du bist Rahim. Du bist Hadji. Ich bin eine Frau. Du bist ein Junge. Du bist ein Junge“. Mithilfe des Wörterbuches ging das ganz gut. Ständig kamen Schwestern herein und alberten mit uns herum. Ich sagte ihnen, dass die Jungen Moslems seien und bestand darauf, dass sie kein Schweinefleisch zu essen bekämen. Man hielt sich daran, kochte zum Teil extra, überhaupt waren alle Schwestern und Ärzte, selbst die Putzfrau, rührend bemüht, besorgt, verständnis- und gefühlvoll. Nette, wir nannten sie nur Nette, so hatte sie sich vorgestellt, ohne Frau und ohne Vornamen, also Nette war auch fast täglich zugegen. Sie war als Lehrerin für längerfristig stationär zu behandelnde Krankenhauskinder eingestellt und bemühte sich nun redlich im Dari-Deutsch oder Deutsch-Dari mit Hadji und Rahim. Es hatte einmal Gulasch gegeben. Die Jungen wollten das nicht essen und wollten wissen, was das war. Also versuchte Nette mit Wörterbuch und Zeichensprache zu erklären: Kuh gleich Gau, Fleisch gleich Gusht, also Gushtnigau oder Gushtnigul von Gul-asch. Die Jungen lachten sich kaputt, kapierten aber worum es ging und aßen!


Kapitel 3

Und nun stehen die Weihnachtsvorbereitungen vor der Tür. Die Kinder wurden angehalten, Briefe an den Weihnachtsmann zu schicken. Sie glaubten noch daran, was schon zuvor beim Nikolaus seine Bestätigung gefunden hatte. Große Aufregung, viele Wünsche, jedoch auch der Hinweis unsererseits, dass der Weihnachtsmann nicht immer alle Wünsche erfüllen könne, weil er das nicht immer schaffe, außerdem bliebe ihm vorbehalten, zu entscheiden, was sinnvoll als Geschenk und was weniger angebracht sei, um etwaigen Enttäuschungen vorzubeugen. Man versucht ja, als unerfahrene Eltern, psychologisch-pädagogisch zu sein. Ha ha. Am Heiligen Abend gegen 16.00 Uhr geht Ingo mit den Jungen und Max in den Wald, den Weihnachtsmann suchen, damit Muttern in Ruhe alles vorbereiten kann. Zwei Wochen vor Weihnachten hatte Ingo über Bekannte ein richtiges Kneipenkickerspiel, wie die Kids es von Mama und Papa Rudolff kannten, erstanden. Mit viel Aufwand und vor allem heimlich hatten wir dieses Spiel im Resi-Trakt installiert und freuten uns selbst wie die Kinder auf diese Überraschung und die Augen der Beschenkten.

Für 18.00 Uhr war die Bescherung geplant. Als solche erwies sie sich dann auch: die Stimmung steigt, die Aufregung auf allen Seiten ebenfalls. Ich bin noch nicht ganz fertig, also werden die Kinder zwecks Ablenkung vor den Fernseher verbannt. Endlich brennen die Kerzen am Baum, und die Kinder werden gerufen. Sehr feierliche, zum Platzen aufgeladene Stimmung. Unter dem Baum liegen die Geschenke. Die Kinder stürzen sich darauf, überblicken schnell die Gaben, Hadji strahlt, während Rahims Gesicht lang und länger wird: „Wo ist mein Auto?“ Enttäuscht und beleidigt sieht er uns an. Rahim hatte bereits zu seinem Geburtstag ein Auto mit Fernlenkung bekommen, so dass wir die Notwendigkeit eines zweiten Wagens nicht ganz einsahen. Hadji hatte zwar eines bekommen, aber dieses hier zu Weihnachten war auch sein erstes. Gerechtigkeit muss sein, dachten wir, nun hatte jeder eins. Das erklärten wir Rahim, der vorwurfsvoll sagte: „Ich habe aber eins bestellt!“ Also erklärten wir ihm wieder, noch ganz ruhig, dass Weihnachten keine Bestellaktion sei etc. Die Stimmung jedoch sank mehr und mehr.

Nun hatten wir noch den Trumpf mit dem Kickerspiel in der Hand, nahmen die Kinder bei derselben und führten sie in den Gästetrakt. Hadji brüllte vor Begeisterung auf, Rahim zeigte keinerlei Reaktion. Wir forderten die beiden auf, zu spielen, Rahim streikte. Da platzt mir die Geduld, und ich schicke ihn auf sein Zimmer mit der Erklärung, dass wir uns von ihm diesen Abend und dieses Fest nicht verderben lassen, er solle mal darüber nachdenken, ob seine Reaktion so ganz angebracht sei, und wenn er sich abgeregt hätte, könne er gern wieder zu uns kommen. Das tat er dann auch nach 15 Minuten, und der Abend verlief mit Weihnachtsmärchen vorlesen, essen und den üblichen Dingen so lala.

Die Enttäuschung unsererseits jedoch war ziemlich groß. Später, als ich Dr. Ecknitz diesen Vorfall erzählte, konnte er nur lachen, denn der Vorwurf galt uns und nicht dem Kind, das mit einer völlig falschen Erwartungshaltung in diesen Abend gegangen war. Ob dieses ganzen Brimboriums mit Briefen an den Weihnachtsmann schreiben etc., hatte das Kind sich so da hinein gesteigert, dass gar keine andere Reaktion zu erwarten gewesen war. Er hatte nicht seit Jahren, wie andere Kinder, Erfahrung im Ablauf und dem Sinn dieses Festes sammeln können und unsere rationalen Erklärungen vor lauter Vorfreude und Aufregung gar nicht kapiert. Tja, da unterscheiden sich mal wieder kluge gestandene Eltern von den dummen jungfräulichen.

Inzwischen hatte sich auch Rahim beruhigt, und beide Kinder spielten wie verrückt Kicker. Silvester verlief toll, denn es war das erste Mal, dass sie draußen knallen konnten.


Kapitel 5

Die Tage bis zur endgültigen Weiterreise verbringen Ingo, Kurt und Fatima damit, sich mit Peshawar vertraut zu machen. Als Erstes lassen sie sich einen "Afghanianzug" anfertigen, also diese weiten Schlabberhosen mit den weit darüber hängenden knielangen Hemden. Die sind schon sinnvoll, verdecken sie doch alles, auch wenn man sich mal an den Straßenrand hocken muss... Außerdem sind sie luftig, und man fällt nicht gleich als Ausländer auf, zumal beide Männer, Ingo und Kurt, dunkelhaarig und vollbärtig sind. Darüber hinaus macht es einen guten Eindruck, sich den Landessitten anzupassen. Man kann ja nie wissen.

Als Zweites bemühen sie sich um einen Guide für alle Fälle und lernen bei dieser Suche Papa Ramon kennen. Papa Ramon, ein altehrwürdiger Pakistani mit weißem Rauschebart, ist der englischen Sprache, ob jahrelanger Übung mit ausländischen Touristen, recht mächtig. Erst einmal geht es darum, für den Weg zum Khyber Pass eine Ausnahmeerlaubnis zu bekommen. Papa Ramon kennt die Polizeistation. Die Polizisten sind seine Freunde. Die Genehmigung wird erteilt. Alles geht glatt. Dieser Papa Ramon zeigt den Männern die Stadt, durchstreift mit ihnen die Goldbasare, die Tiermärkte, die Dentistenstraßen, und verabredet einen Ausflug auf den Khyber Pass, noch auf pakistanischer Seite. Das allerdings würde etwas teurer werden, denn man benötigte Soldaten (Stammesmitglied) als Begleiter für diesen Tag. Natürlich müssen sie bezahlt werden über das tägliche 20 Dollar-Honorar von Papa Ramon hinaus. Diese Leute seien lebensnotwendig, da man durch das sogenannte Stammesgebiet, die North-West-Province-Area, käme. Das Gebiet der Gesetzlosigkeit. Dort leben die Paschtunenstämme der Grenzregion, die sich der Herrschaft der pakistanischen Regierung nicht unterwerfen. Sie verwalten sich autonom, und ein Menschenleben kann hier schnell vorbei sein. Das sahen unsere Männer, die anscheinend inzwischen völlig enteuropäisiert waren, als Herausforderung an, hingerissen auch von der Erwartung der bisher nur aus der Literatur beschriebenen unendlichen Schönheit des Khyber Passes und seiner Umgebung.

Man machte sich also auf den Weg. Papa Ramon, Ingo, Kurt und Fatima und zwei Gunmen. Das gefürchtete Stammesgebiet durchquerten die sieben unbeschadet. Man hört es zwar ab und an im Gebirge krachen, weil ein paar Männer den Tag damit verbringen, in der Gegend rumzuschießen, das gehört dort zur Tagesordnung, zum Zeitvertreib, so wie wir im Herbst Pilze sammeln, Fahrradfahren, Sport treiben, ballern die eben in ihrer Gegend rum, das knallt so schön. Das Ausflugsteam macht Halt in einer Schmuggelstadt: Ladi Kutal. Hier werden Ingo und Kurt Gewehre aller Couleur angeboten. Beide lehnen dankend ab. Aber mal anfassen, mal halten müsse man doch probieren. Okay. So werden Ingo und Kurt mit dem Gebrauch von Kalaschnikows vertraut gemacht. Und es blieb natürlich auch nicht nur beim Anfassen. Es gibt ein Foto, auf welchem sowohl Kurt mit der Kalaschnikow im Anschlag als auch Fatima mit einem Gewehr abgebildet sind. Dafür hätte ich unsere beiden Männer erschlagen können, bedenkt man doch den Hintergrund der Verletzungen und die damit verbundenen Deutschlandaufenthalte unserer Kinder.

Die vier pakistanischen Männer brauchen jetzt eine Pause. Man müsse schließlich beten gehen. Da man sich aber immer noch in einer nicht ganz sicheren Region befände, sei es zu gefährlich, die zwei Europäer, Ingo und Kurt, und Fatima unbewaffnet zurückzulassen. Sie wüssten jetzt, wie man mit so einem Ding umginge, bekamen jeder ein solches (Fatima allerdings nicht) und wurden strengstens angehalten, auf alles und jeden zu schießen, das oder der sich auf 30 Meter nähern würde. Zwar hätte man eben noch schnell einen jungen ungefähr vierzehnjährigen “Mann“ angeheuert, der von einem Baum in der Nähe der Zurückgelassenen ebenfalls deren Leben beschützen würde, aber besser sei besser. In 15 Minuten, Inschallah, seien die vier wieder zurück. Allah war auf der Seite unserer drei. Nichts passierte. Und weiter ging die Fahrt. So gelangte man an eine hohe Stelle des Khyber Passes, an der man wieder Halt machte, um die unglaubliche Aussicht, ein unbeschreibliches Panorama zu genießen. Man nahm ein gar köstliches Mahl ein – mit den Fingern versteht sich – und Fatima fing an zu weinen. Von weitem blickte man auf die afghanische Grenzstadt Torkham, zur Hälfte pakistanisch, zur Hälfte bereits afghanisch. Das war doch Fatimas Heimat, in die sie da blickte. Welche Gefühle müssen dieses sechsjährige Mädchen überwältigt haben.


Kapitel 7

Nach ohrenbetäubendem Lärm, denn nichts geht ohne permanentes Hupen, und dem unerträglichen Geruch durch die offenen Autofenster, der unter anderem von den Zweitaktmotoren der Rikschas – ein überdachtes, buntes, dreirädriges, motorisiertes Fahrrad mit Fahrer-, Beifahrer- und Doppelsitz hinten, in dem sich aber meistens mindestens fünf Personen befanden – herrührte, wurden nach 15 Minuten Fahrt die Straßen immer enger. Dann bogen wir in diesen von Ingo geschilderten Sandweg mit den hohen Mauern ab. Die Umgebung um mich herum nahm ich kaum wahr, denn ich hatte mein Augenmerk dem Jeep, in welchem Rahim saß, gewidmet. Endstation: Aussteigen. Wir waren also noch dran. Was, wenn die uns jetzt abballern? Spinn doch nicht rum, Petra, die haben gar keinen Grund, redete ich mir gut zu. Nun wird das große Eisentor von einem alten Mann geöffnet. Alis Vater. Alles, was nun folgt, kannte ich aus Ingos Erzählungen. Den Hof, die kargen Räume, bloß war der erste Eindruck für mich freundlicher bei vormittäglichem Sonnenschein denn für Ingo bei finsterer Nacht. Wie damals blieben wir im ersten Raum und die Kinder in einem anderen. Wir hockten uns auf die Matratzen und warteten ab. Dann wird das Begrüßungszeremoniell wiederholt. Dazu serviert Alis Frau, eine mir sofort sympathische Afghanin, schwarzen Tee und Gebäck. Das weckt die Lebensgeister, und ich wage, nach der Toilette zu fragen. Diesmal ist es nicht so schlimm wie in Lahore, und ich bin anschließend erleichtert, weil es auch Wasser gab. Zwar nur aus einem Krug, aber für die Hände reichte es.

Nach zwei Stunden werden wir nervös und wollen konkrete weitere Vorgehensweisen wissen. Man fährt weiter. Wann? Mal sehen. Nebenan sitzen die Kinder vor dem Fernseher. Rahim auch. Also, das muss hier doch irgendwie mal vorangehen, aber es geht nur hin und her. Bassam geht raus telefonieren, kommt wieder und verschwindet. Das erschwert die Kommunikation, denn nur Alis Vater spricht ein paar Brocken Englisch, aber nicht genug, um zu erfahren, was hier weiterhin geplant ist. „Kann Rahim mal bitte herkommen, den brauchen wir jetzt als Dolmetscher“, ist meine Idee. Rahim kommt. Ich bitte ihn, zu hinterfragen, wie das hier nun weitergeht. Er stottert rum. Ali antwortet. Ich frage Rahim nach dem Inhalt. Er antwortet: „Ich weiß nicht“. Na toll, er kann uns hier nicht weiterhelfen. Katera soll kommen. Sie ist zwölf Jahre alt, meine einzige Hoffnung. Und schon kommt das Gespräch in Schwung.

Also, es geht erst morgen weiter nach Kabul. Heute bleiben alle Kinder hier. Bassam hat noch etwas zu erledigen. Super Katera, du bist toll. Dich klaue ich hier, jetzt gleich auf der Stelle, vom Fleck weg und sofort. Dann können wir also erst mal ins Hotel, uns frisch machen, und dann sehen wir weiter. Okay. Prima. „Seid ihr heute Abend zum Essen unsere Gäste?“, fragt Ali. „Klar, gern“. „Gut, 19.00 Uhr. Aber Rahim muss hier bleiben“. Ingo hat keine Bedenken, er sagt, das ginge gegen Alis Mannesehre, wenn der uns hier heute ablinken würde. Mir ist etwas mulmig, aber ich weiß, bis morgen haben wir ein großes Programm zu absolvieren. Wir brauchen sofort diese Sondergenehmigung für Afghanistan, und ich brauche andere Klamotten, denn in meinem komischen Kaftan falle ich sofort auf, wenn’s eng wird. Ruck zuck ab in eine Rikscha, Ziel Green Hotel, einchecken. Für uns ist dasselbe Zimmer im Erdgeschoss reserviert wie damals für Ingo, Kurt und Fatima. War hier ein alter Mann aus Afghanistan und hat nach uns gefragt, erkundigen wir uns an der Rezeption. „No, sir“, lautet die Antwort. „Wir sind jetzt zwei Stunden fort, wenn jemand kommt, bringen Sie ihn bitte auf unser Zimmer und halten Sie ihn fest. Er spricht kein Englisch, nur Dari. Sprechen Sie Dari?“ „No, sir.“ „Gibt es hier jemanden, der Dari spricht?“ „Yes, sir. Der Ladenverkäufer.“ „Fein, ist er da?“ „No, sir.“ „Wann kommt er wieder?“ „Keine Ahnung, sir.“ „Hier sind erst mal 20 Dollar für dich. Du passt schön auf. Wenn der alte Mann kommt, wird der nur sagen, Rahim, Rahim, dann weißt du, der gehört zu uns.“ Und wir erzählen ihm kurz Rahims Geschichte. Das findet er toll und spannend, und Allah soll uns segnen und so.

Wir schmeißen nur unsere Klamotten ins Zimmer, an Frischmachen ist jetzt nicht zu denken, nur schnell noch die Möglichkeit nutzen, ein richtiges Wasserklo zu besuchen. Wir müssen weiter, denn die Uhr tickt. Unser Glück, nur der Freitag ist hier ein Feiertag. Heute ist Sonnabend, und alle Läden haben bis 20.00 Uhr geöffnet. Unser Hotel liegt an einer großen Hauptverkehrsstraße mit vielen kleinen Nebenstraßen, in denen sich Basar an Basar reiht. Und schwupp sind wir in einem mit landestypischen Klamotten. Tolle Farben, aber alles Synthetik. Und das bei der Hitze. Ich probiere an. Problem, die Hosen sind zu kurz, die Ärmel auch, und in der Achselhöhle kneift es. Ich bin mit 165 cm zu groß für dieses Land. Kein Problem, können wir ändern. Bis wann? Morgen früh. Wann morgen früh? 11.00 Uhr. Zu spät, 9.00 Uhr. Nein, 11.00 Uhr. Nein, zehn Dollar drauf und 10.00 Uhr. Okay, 10.00 Uhr. Bestimmt? Es ist ganz wichtig. Ja, bestimmt. Aber bezahlen sofort, jetzt. Okay, das war erledigt, und Ingo bekommt auch gleich noch einen Anzug zum Wechseln verpasst. Weiter – Rikscha – Polizeiverwaltung. Ewiges Hickhack. Warum wollt ihr nach Afghanistan? Warum so schnell? Warum nicht Montag? Kind – Bein kaputt – Deutschland – Eltern gefunden – morgen zurück – Eltern treffen – Kind übergeben.

Und jetzt macht schon hin, bitte, bitte, bitte. Sie machten hin, wir bekamen diese Zettel. Puh! Bassam wird vielleicht gucken. 18.00 Uhr ab ins Hotel und ab in die Dusche, die tatsächlich funktionierte, und saubere Handtücher lagen auch bereit. Zwar war alles ziemlich alt und etwas marode, rostig, und der Kitt bröckelte aus den Fugen, aber ich hatte es mir schlimmer vorgestellt und fühlte mich geduscht, deodoriert und gesalbt wie neu geboren. Also, auf zu neuen Taten. Von Abdullah keine Spur. „No, sir.“

19.00 Uhr bei Ali. Endloses Palaver. Viel, viel Tee. Katera als Dolmetscherin. Kein Bassam. Das war gut. Wir konnten das von Ingo einmal aufgebaute Vertrauen vertiefen. Katera machte das hervorragend. Ich war beeindruckt und lernte an diesem Abend meine ersten richtigen Brocken Dari, weil ich alles hinterfragte. Alis Frau fand das toll und gab sich ersichtliche Mühe, mir zu helfen. Rahim saß vor dem Fernseher. Ihn interessierte das alles nicht. 21.00 Uhr endlich essen. Große Plastikdecke auf den Fußboden, zwei riesige Schüsseln mit Palau (gebackener weißer Reis mit Huhn), Nan (Fladenbrot), Coca Cola und für jeden einen Teller. Wow! So Petra, nun zeige mal, was du kannst. Ali gab auf, dass sich die Teller bogen. Vieles flog daneben. Und dann ging´s los. Besser als erwartet, setzte ich meine Finger als Besteck ein. Das hatte ich von Zainu gelernt, und es klappte. Und vor allem, es schmeckte. Es schmeckte gar köstlich. Rahim durfte mit bei uns Erwachsenen essen. Alis Frau und deren Schwester auch. Ich durfte sogar rauchen. Alis Familie war also eine aufgeschlossene. Nach dem Essen stand Rahim auf und wollte wieder vor den Fernseher. Da pfiff ich ihn aber sofort zurück. Er möchte bitte beim Abdecken helfen. Das ist in diesen Ländern nämlich auch so üblich.

Nach dem Essen vermittelt uns Ali – über Katera – glaubhaft, dass die Kinder auch morgen noch nicht nach Kabul gebracht werden. Vielleicht Montag. Inschallah. Gut, also etwas Luft für uns. Inzwischen ist es 23.00 Uhr, und ich dränge nach Hause. Ingo hat es geschafft, Ali zu überreden, dass er uns Rahim morgen um 11.00 Uhr ins Hotel bringt, dann können wir ihm auch eine Afghanikluft kaufen. Das wird die Eltern über die Wiedersehensfreude hinaus besonders freuen. Handschlag. Abgemacht. Ein Mann ein Wort. Umarmung zwischen den Männern. Küsschen zwischen den Frauen. Tschüss Rahim, bis morgen. Schlaf gut, gute Träumchen, die erste Nacht auf “halbfremdem“ Boden. Taxi bitte. Nein, nein, Ali fährt euch. An der Rezeption die übliche Frage nach dem alten Mann aus Afghanistan. Wir erhalten die übliche Antwort: „No, sir.“

Wir fallen völlig erschöpft und ausgelaugt ins Bett und können nicht einmal mehr reden. Jeder hat so sein eigenes Filmchen von diesem Tag. Ich möchte weinen, habe aber selbst dazu keine Kraft mehr. Ich will nur wissen, was ist passiert, dass Abdullah nicht hier ist, trotz aller Absprachen. Darüber schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon anders aus. Wir gehen frühstücken in einen Raum im Erdgeschoss, durch dessen Glasfront man den Betrieb des Hotels durch die Halle, die sich wie ein überdachtes Atrium darstellt, bis zur Rezeption verfolgen kann. Es gibt auf einem Büfett Toast und Orangenmarmelade und salzige Butter, Rührei, Tee und Kaffee.

Um 11.00 Uhr, pünktlich wie verabredet, kommt Ali mit Rahim. Bloß immer noch nichts von Abdullah. Ali bittet uns, Rahim abends wieder zu ihm zu bringen, wir könnten dann wieder gemeinsam essen, denn auch heute würde es immer noch nicht weitergehen nach Kabul. Das kriegt Rahim so einigermaßen gedolmetscht.

Wir drei ziehen gleich los und finden auf Anhieb einen Afghanidress für Rahim. Der sieht darin entzückend aus, steht ihm wirklich gut. Da die Zeit nun nicht mehr drängte, gehen wir in das Geschäft von gestern, um mein dreiteiliges Kleid abzuholen. Ich erkundige mich, ob es in der Nähe einen Schneider gäbe, was bejaht und mir der Weg dorthin erklärt wird. Meine nächste Idee war nämlich, mir so ein Gewand maßschneidern zu lassen, dann hätte ich auch was zum Wechseln bei dieser Hitze. Erst jetzt nehme ich meine Umgebung langsam Stück für Stück richtig wahr. Blauer Himmel, dessen man leider nicht gewahr wurde, da über ganz Peshawar eine dicke graue Wolke hing, wie ein verschleierter Nebel unter anderem von den Ausdünstungen der Auspuffgase der Rikschas herrührend. Durch die offenen Basare mit duftenden Früchten, Gemüsen, Gewürzen, totem Frischfleisch, Stoffen, Getränken, Imbissen und Grillständen strömte ein intensiver Geruch, der, vermischt mit den Abgasen, dem Pferdekot der Droschken, nicht zu vergessen die Temperaturen, in denen hier alles gegart wurde, einen Geruch verursachte, der dazu führte, dass die meisten Menschen hier sich ein Tuch vor Mund und Nase drückten. Das hielten also selbst Einheimische nicht aus. Normalerweise wäre eine totale Verschleierung hier in den Straßen Peshawars für mich nicht unbedingt nötig gewesen, aber ich machte von dieser Sitte nur allzu gern Gebrauch, um auch mich vor eben diesem beißenden Geruch zu schützen.

Durch die Straßen schoben sich ständig auf Tuchfühlung unglaubliche Menschenmassen. 70 % Männer, 30 % Frauen. Darunter reichlich bettelnde, ärmlich gekleidete Kinder. Amputierte und Verkrüppelte rundeten dieses Bild ab. So schlenderten wir von Basar zu Basar, bis wir einen tollen Stoff für mich hatten, diesen zum Schneider brachten, und siehe da, bereits am Abend sollte mein Dreiteiler fertig sein. Materialaufwand umgerechnet 20,00 DM, Arbeitslohn 10,00 DM. Na, dann ist wohl auch noch was für Schmuck übrig, beschließe ich, damit ich richtig afghanisch aussehe. Die braunen Kulleraugen und dunklen Haare hat mir die Natur gratis mitgegeben. Für 2,00 DM erstehe ich dann sogar noch so ein paar typische Gummilatschen. Jetzt ist mein Outfit perfekt. Ich bin für alles gerüstet. Nur an meinem Bewegungsablauf und meinen Gebärden muss noch gearbeitet werden. Das übe ich jetzt.

Also: Hände vor den Bauch, unter der langen überhängenden Kopfverschleierung verschränken. Kopf runter, sprich: Doppelkinn ans Brustbein und den Blick demütig gesenkt halten. Und nun her mit dem “Afghanischlurfigang“, wie ich ihn nannte. In kleinen langsamen Schritten in Zeitlupentempo, bedächtig ohne Eile, Fuß vor Fuß, ohne diese zu heben. Na bitte, geht doch, und siehe da, schon fällt man nicht mehr auf. Das Ganze selbstverständlich in Unterwürfigkeit zwei Meter hinter dem Mann. Das hat natürlich den positiven Nebeneffekt, dass man bei dieser eingeschränkten Betriebsamkeit auch nicht mehr so ins Schwitzen gerät. Es hat schon alles seinen Sinn!

So trödeln wir vollbeladen zurück ins Hotel. Nachricht von Abdullah? „No, sir!“


Kapitel 8

... Den Dienstag verbringen wir auf der Straße. In den Basaren und beim afghanischen Teppichhändler. Einmal Teppichgucken dauert ungefähr zwei Stunden. Interesse bekunden beansprucht vier Stunden mit Teetrinken, sabbeln, wieder gucken. Bloß nicht kaufen, dann sind die beleidigt. Erst handeln, dann reden, dann Teetrinken, dann handeln, reden, weggehen, wiederkommen. Ein Teppich hat es uns angetan. Aber viel zu teuer. Wir kommen wieder. Wir haben auch noch ein paar Tage Zeit. Abends wollen wir die Gastronomie im Green Hotel ausprobieren. Im Frühstücksraum. Ob man mir nur einfach gebratenen Reis machen könnte, ohne Fleisch, aber ruhig schön scharf, will ich wissen. Mit dieser leckeren Joghurtsoße dazu. Klar, kein Problem. Es wird serviert. Lecker. Echt lecker. Da traue ich meinen Augen nicht: „Iiihhh, Ingo, guck doch mal, da bewegt sich doch was auf meinem Teller.“ Und plötzlich kam da richtig Bewegung rein in meinen braunen Reis. Lauter kleine Würmer. Beige Würmer mit dunklen Köpfchen. Der Wurm genau in der Größe eines Reiskorns, daher anfangs schwer auszumachen. Auch farblich passten sie sich hervorragend ihrer Umgebung an. „Herr Ober, kommen Sie doch mal schnell.“ Der kam angeschlurft. „Ja, bitte?“ „Sehen Sie mal! Was ist das denn?“ Der guckt, schaut mich an, dann wieder den Teller. „Was das ist, will ich wissen!“, artikuliere ich mich schon etwas bestimmter. „Moment mal“, sagt er, nimmt den Teller und verschwindet.

Nach ein paar Minuten kommt er wieder und versucht, mir glaubhaft zu machen, das seien die Hülsen der Reiskörner gewesen. Das sei ungeschälter Reis gewesen. Deshalb. Ach, und wieso die sich bewegt hätten, wollte ich wissen. Wegen der Hitze in der Pfanne. Die fangen an zu springen. Ach so, tolle Materie, die springt. Habe ich auch noch nicht gewusst und in meiner Küche auch noch nicht erlebt. Aber man lernt ja, wie gesagt, nie aus. Ob ich was anderes haben möchte? Nein, danke, mir war der Appetit vergangen. „Guten, Ingo!“ Er ist da etwas härter verpackt als ich.


Kapitel 10

Am nächsten Tag waren wir wieder mit unserem Ladenbesitzer verabredet. Wir hatten hier schon Vorarbeit geleistet. Denn jetzt ging es darum, dass Rahim einen Pass brauchte. Einen afghanischen Pass mit Passbild, Stempeln, Unterschriften, eben einen richtigen Pass, mit dem wir nach Islamabad auf die Deutsche Botschaft – zum Zweck des Einreisevisums für ihn nach Deutschland – fahren müssten. Die Voraussetzungen hierfür hatten wir bereits in Wolfsburg geschaffen. Jetzt brauchten wir nur noch das Kind mit gültigem Pass und die Eltern zur Bestätigung und Einwilligung per Unterschrift zur Adoption in die Botschaft zu schaffen, denn eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland würde ihm nur befristet erteilt, wenn die Voraussetzungen für eine Adoption geschaffen waren. Auch das hatten wir in den letzten vier Wochen vorbereitet.

Unser Ladenbesitzer kannte da nämlich jemanden, der sich mit der Beschaffung von Pässen auskannte. Kann man in Kabul besorgen. Dauert ungefähr drei Tage, kostet 300 Dollar. Wir lassen Passfotos von Rahim machen und fahren mit unserem Freund zu diesem besagten Mann. Nur Ingo und ich. Unseren ganzen Clan wollten wir bei diesem Gespräch nicht dabei haben. Dieser Mensch erklärt uns, er könne das nicht allein, da müssten noch zwei Cousins zur Unterstützung mit, die sollten wir gleich besuchen. Wir fahren also durch eine wilde Gegend in einem klapprigen Auto weiter zu den Cousins. Was das Verwandtschaftsverhältnis anbelangt, muss man wissen, dass jeder Afghane, der geschäftlich oder emotional engeren Kontakt zu einem anderen Afghanen pflegt, diesen nach geraumer Zeit als Cousin bezeichnet. Das hat also nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun. Dort angekommen, begrüßen uns zwei finstere Typen. Au weia, denke ich, wenn wir hier mal lebend rauskommen. Aber die drei Cousins entpuppen sich als tüchtige, gewiefte, kompetente Geschäftsleute. Mich faszinierte, dass hier nicht stundenlang rumgelabert wurde, sondern wir gleich das Gespräch auf den Punkt brachten. Nach einer Stunde waren wir handelseinig.

Da hatten sie plötzlich eine Idee: Wir nehmen Petra mit, so eine Frau mit so viel Selbstbewusstsein und Engagement, die raucht und so schnell eine fremde Sprache lernt und sich der ungewohnten Umgebung anpasst, die müssen wir unseren Leuten in Kabul vorstellen. So wie die sich benimmt, kriegen wir sie problemlos über die Grenze. Und viel Spaß werden wir mit ihr haben…Wie haben die denn das jetzt gemeint? Oh nein, das geht zu weit. Ich fühle mich zwar geschmeichelt und geehrt, fast als Mann oder Cousin akzeptiert, aber mit drei wildfremden Kerlen nach Kabul ist wirklich nicht der Sinn dieser Reise. Da interveniert auch schon mein Mann, das hat mehr Gewicht als meine Bedenken. Wir verhandeln noch über Preis und Zahlungsmodalitäten und sehen uns in drei, vier Tagen wieder. Morgen früh starten die Cousins. So gruselig sich die Sache anfangs darstellte, so viel Spaß hat sie am Ende bereitet.

Wir berichten Abdullah und Co. Die Zeit bis zur Passübergabe wollen wir sinnvoll nutzen, um unsere Aufträge zu erfüllen. Einer hiervon lautet, in Katchaghari, einem afghanischen Flüchtlingslager vor Peshawar, einen Teil von Amins Familie zu besuchen, um ihnen Geld von Frau Obermeier zur Weiterleitung an Amin zu übergeben. Frau Obermeier hatte inzwischen einen Verein gegründet, dessen Aufgabe es war, bei Kunduz – Amins Heimatstadt im Norden Afghanistans – eine Schule zu errichten, in der auch Mädchen unterrichtet werden sollten. Amin war der Verwalter dieser Einrichtung. Er hatte seinen Leuten unseren Besuch angekündigt. Da Ingo zum Zweck des Brotkrumenstreuens dieses Lager schon einmal im Oktober letzten Jahres bei seinem ersten Besuch aufgesucht hatte, war es diesmal ein Leichtes, den Weg zu finden. In einer Rikscha kommen wir, Ingo, Petra, Abdullah, Moshegome und Rahim, vormittags bei sengender Hitze an.

Wir wurden auf Leib und Seele nach Waffen und Rauschgift von der Wache am Lagertor untersucht und eine Stunde lang nach dem Anlass unseres Besuches ausgefragt, bis sie den Eindruck hatten, dass wir harmlos und ungefährlich waren. Dann schickte man nach dem Ältesten von Amins Familie, der wiederum ausgefragt wurde. Erst als der unseren Besuch rechtfertigen konnte, wurden wir in Begleitung zu seiner Behausung geführt. Durch nasse (nicht vom Regen), enge, matschige, stinkende, dreckige, rotlehmige Gassen, rechts und links von mannshohen Lehmmauern gesäumt, gelangten wir, umzingelt von ärmlichen, schmutzigen und erbärmlich gekleideten dennoch fröhlichen Kindern, in den kleinen Hof von Amins Onkel. Moshegome wird sofort von uns getrennt und in den Frauenraum gebracht. Ich darf noch eine Weile bei den Männern bleiben. Dann werde auch ich zu den Frauen und deren Kindern gebracht. Alles hier ist ärmlich, staubig, unsauber, obwohl sich die Menschen herzlich und interessiert geben. Mit Hilfe Moshegomes und meines Wörterbuches sind wir sogar in der Lage, ein bisschen Smalltalk zu betreiben.

Durch die Tür unseres kleinen Lehmraumes, in dem eine furchtbar schwüle und stickige Luft lag, nehme ich wahr, wie eine der Frauen sich auf dem Frauenhof daran macht, das Essen zuzubereiten. Sie hatte vorher eines der Babys von seinen Exkrementen befreit, sich danach ordentlich in der Nase gepopelt und fing jetzt an, Knochen in einen Topf mit kochendem Wasser über offenem Feuer zu schmeißen, dazu eine Handvoll mir unbekannter Blätter und Knollen und Gewürze. Dabei pulte sie ständig den Schorf aus ihren Pickeln und Pusteln an den Unterarmen. Sie hatte sich seit dem Verlassen unseres Zimmers bis zu den Kochvorgängen nicht ein Mal die Hände gewaschen. Nach einer Stunde brachte sie den Topf ins Zimmer und stellte ihn in unsere Mitte. Wir saßen auf dem Fußboden drum herum. Jetzt wurde an jede von uns Brot verteilt.

Oh Gott, was mache ich nun? Das kann ich unmöglich essen. Ich hatte jetzt schon Schweißausbrüche vor Ekel und mit meiner Magenperistaltik heftig zu kämpfen. Die anderen Frauen zerrissen ihr Brot und warfen es in die graue Wasserbrühe. So wurde die Flüssigkeit nach und nach von dem Brot aufgesogen, kühlte dabei ab, bis eine dicke Brotpampe übrig blieb. Nun griffen die Frauen in den Topf und holten sich mittels ihrer Finger – keine hatte sie vorher mit Wasser in Berührung gebracht –, die sie wie eine kleine Kelle benutzten, die durchgeweichte Brotbrühenpampe aus dem Topf und stopften sie sich hungrig in den Mund. Mir drehte sich der Magen um, und als ich aufgefordert wurde zu essen, wurde ich schlagartig so kreidebleich, dass man meine schnell erfundene Notlüge, ich sei als Deutsche diese Hitze nicht gewohnt und hätte damit solche Probleme – die ganzen Tage schon –, dass ich nicht essen könne, akzeptierte. Ich solle nur viel trinken, hätte man mir geraten. Ob meiner Bleiche im Gesicht haben sie mir das wohl abgenommen, und so ging der Kelch noch einmal an mir vorüber. Moshegome war auch nicht sehr glücklich, kämpfte sich aber tapfer durch und wahrte somit für uns zwei die Höflichkeit. Nach Beendigung des Essens bat ich, nach Rahim zu schicken. Dem machte ich klar, dass ich hier sofort raus müsse, sonst würde ich umkippen – obwohl ich saß – und mich auf der Stelle übergeben. Das möchte er schnell und eindringlich Papa ausrichten. Es funktionierte, denn er hatte bei meinem Anblick sofort begriffen, worum es ging.

Ein paar Minuten später holte er seine Mutter und mich ab. Wir verabschiedeten uns, was mir ob der von mir überstürzten Hektik peinlich war, außerdem taten mir diese im wahrsten Sinne des Wortes armen Menschen Leid, sie hatten wirklich nichts anderes als Wasserplörre mit Brot, aber ihre Unsauberkeit verzieh ich ihnen dennoch nicht. Draußen auf der Gasse versagten mir die Beine. Atme Petra, atme, suggerierte ich mir, wenn du hier jetzt umkippst, schleppen die dich wieder da rein und flößen dir die Plörre ein. Und schon war es um mich geschehen. Schlagartig hatte ich kein Gefühl mehr in den Beinen und sackte einfach zusammen. Glücklicherweise stand Abdullah dicht hinter mir und fing mich auf. Der arme Kerl, jetzt würde alles an ihm verbrennen, bevor er in den Tod hinübergleiten konnte, wann immer es so weit sein würde. Ich kam sofort wieder zu mir, weil ich hörte, wie Rahim schrie: „Mama, Mama, was ist?“ „Bringt mich hier raus, schnell, bringt mich hier raus, bitte“, flehte ich.

Im Taxi auf der Rückfahrt erzählte ich, wie es zu dieser kleinen Ohnmacht gekommen sei. Moshegome verstand alles, sie hatte es selbst miterlebt und erklärte uns, dass in unserer Suppe die Überreste der Männermahlzeit schwammen. So sei das hier eben. Die Frauen und Kinder mussten sich mit dem begnügen, was von ihren Männern für sie übrig gelassen wurde. Aber die Art der Zubereitung und vor allem der Dreck, dafür hatte auch sie kein Verständnis und hatte darob das vollste Verständnis für mich.

Ingo fuhr ein paar Tage später noch mal mit Hakim in dieses Lager und entschuldigte sich für den kleinen Vorfall. Ich hätte zwei Tage krank im Bett gelegen. Da sei wohl schon vorher was in meinem Körper nicht in Ordnung gewesen. Aber nun sei ich wieder okay. Damit war diese peinliche Situation gerettet.


Kapitel 12

Wir schreiben den 27.01.1996, es ist ein Sonnabend. Die Liebls kommen und wollen mit ihren und unseren Kindern in die Eishalle zum Schlittschuhlaufen. Hadji will lieber zu Hause bleiben, er hätte Angst, wenn dieses Nasenbluten auf dem Eis losginge, alles voll zu sauen. Er fühle sich auch nicht so gut. Okay, dann machen wir es uns hier gemütlich. Um 20.00 Uhr kommt Rahim nach Hause, wir essen Abendbrot, die Kinder gehen vor die Glotze, Ingo und ich hören Musik. Um 21.00 Uhr mache ich eine Flasche Wein auf. Um 23.00 Uhr geht Ingo mit Max los auf die Gassirunde. Ich bleibe hier, weiß auch nicht warum. Da kommt Rahim ins Wohnzimmer und ruft: „Mama, Mama, komm schnell, Hadji verblutet.“ Ich stürze aus dem Wohnzimmer rüber in den anderen Trakt des Hauses. Da hängt Hadji über dem Waschbecken im Bad, und dickes Blut schießt in Strömen wie Fontänen aus seiner Nase. Ich renne in die Gästeküche, hole Eis, drücke es ihm in den Nacken, zerre ihn aufs Klo damit er sitzt, reiße ihm den Kopf in den Nacken und sage: „Klemm die Nase zu, drück sie zu, Hadji, gleich hört es auf.“ „Habe ich schon versucht, geht nicht. Mama, Mama, ich sterbe.“ „Du stirbst nicht, mein Kind, das werde ich verhindern. Verspreche ich dir. Bleib ruhig. Mir fällt gleich was ein.“ Es spritzt weiter aus Hadjis Nase. Ich reiße Badelaken aus dem Schrank und wickele sie ihm um seinen Kopf, denn es ist schon alles eingesaut. Und denke. Denke nach. Denke ganz angestrengt nach. Drei Badelaken sind durchgeblutet. Die pfeffere ich in die Badewanne. Ich schreie: „Rahim, schwing‘ dich auf dein Rad. Papa ist auf der Gassirunde. Der soll sofort abbrechen und herkommen. Ich bleib hier bei Hadji. Los, los, mach‘ hin!“

Das Kind ist nicht mehr weiß im Gesicht, es wird langsam grün. Verdammt, der klappt mir gleich ab. Wie viel Liter Blut hat ein Mensch? Drei Liter hat er bestimmt schon verloren. Der muss sofort ins Krankenhaus. Ingo komm doch. Denn Krankenwagen rufen, bis der hier ist und wieder retour, das schafft er nicht, und ich kann mit ihm nicht allein fahren, der hält sich nicht mehr auf den Beinen. Da kommt Ingo, sieht sofort, was los ist. „Halte den Jungen, ich hole nur was Warmes“ – draußen waren Minusgrade, und Lungenentzündung obendrauf konnten wir jetzt nicht gebrauchen – „und dann fahren wir sofort los.“ Ich wetze die Treppe hoch, reiße ein altes, dickes Sweatshirt aus dem Schrank, schmeiße das ins Bad: „Drücke ihm ein Handtuch ins Gesicht und Sweatshirt drüber, Rahim hol‘ Hadjis Turnschuhe und ziehe sie ihm an. Dann hol‘ einen großen Eimer und bring‘ ihn schon mal ins Auto, hinten rein. Ich sag‘ dem Krankenhaus Bescheid, dass wir sofort drankommen ohne Aufnahme.“ Ich renne rüber, die Krankenhausnummer hatte ich noch im Kopf und schreie nur ins Telefon: „Trott, in zehn Minuten kommen wir mit unserem Sohn, der verblutet aus der Nase. Sofort Hals-Nasen-Ohren-Arzt informieren. Bahre bereitstellen. Wir kommen über die Feuerwehreinfahrt. Krankenwagen schafft er nicht mehr!“, knalle den Hörer auf, zerre Bettlaken aus dem Schrank und stürze die Treppe hinunter. „Rahim, du bleibst hier!“

Hadji und ich sitzen hinten im Golf. Das Kind eingewickelt in Bettlaken, um die größte Schweinerei zu verhindern. Mit einem Arm halte ich ihn, denn das kann er selbst nicht mehr, mit der anderen Hand versuche ich, den Eimer zu halten, in den unaufhörlich Blut strömt. Auf den Straßen ist kaum was los. Gott sei Dank ist es trocken und deshalb auch kein Glatteis. Ingo knallt mit 80 km/h durch unseren Ort, in dem ich vor fünf Jahren für die 30 km/h-Zone gesorgt hatte. Hat die Warnblinkanlage und Fernlicht an. Durch die Stadt rast er mit 120 km/h über alle roten Ampeln. Ich glaube, in diesem Moment hätte er auch Polizisten überfahren. Mit quietschenden Reifen nehmen wir die Feuerwehrauffahrt.

Da stehen schon zwei Pfleger. „Rollstuhl, schnell. Geht schneller“, rufe ich. „Oh mein Gott“, sagt nur der eine Pfleger. Fahrstuhl steht auch schon bereit. Ab in den dritten Stock. Da kommt bereits ein Arzt angerannt. „Meine Kollegin kommt sofort, wir können gleich in den Operationssaal“, sagt er. Da kommt die Kollegin, sieht Hadji und kippt um. Zwei Schwestern tragen sie fort. „Können Sie mir assistieren, bis weitere Hilfe kommt, Sie sehen so aus?“ „Ja natürlich“, antworte ich. „Also, erst mal heben wir ihn auf den OP-Tisch. Sie hinten, ich vorne.“ Gemacht. Da kommt ein anderer Arzt mit zwei Pflegern. „Danke schön, warten Sie bitte draußen.“

Wir warten. Schade, denke ich, ich hätte so gern mit operiert. Jetzt erst sehe ich, dass mein Mann kreidebleich ist. „Ingo, brauchst du ein Glas Wasser?“ „Nein, danke.“ Ich beruhige ihn, jetzt sei doch das Schlimmste vorbei. Jetzt würde ihm doch geholfen. Nach zwei Stunden geht die OP-Tür auf, der Doktor kommt raus: „So, jetzt muss ich mich erst mal vorstellen. Mein Name ist soundso. Kriegen Sie jetzt bitte keinen Schreck, Ihr Sohn hat einen Tumor.

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Petra Rebecca Thiem, Bahnhofstrasse 5, 38539 Müden/Aller, T. 05375. 955 955, mail@thiem-verlag.de